James Krüss – Timm Thaler oder das verkaufte Lachen

James Krüss - Timm Thaler oder das verkaufte Lachen

James Krüss – Timm Thaler oder das verkaufte Lachen

Konrad (Kant-Gymnasium, 5d) hielt über Weihnachten die Familie mit einer Hausaufgabe in Atem. Die Schüler müssten „Timm Thaler“ nicht nur über die Weihnachtsferien lesen sondern auch eine ausführliche Inhaltsangabe verfassen. Je Kapitel sollte eine Seite geschrieben werden. Ich beteiligte mich an dieser Aufgabe nur am Rande, aber das Buch begann mich zu interessieren – also las ich es im Januar noch einmal komplett von vorn.

Die Geschichte ist anspruchsvoll und hintersinnig – es geht um die großen Dinge im Leben. Gut gegen Böse. Das Lachen eines Jungen gegen den materiellen Reichtum dieser Welt. Mephisto gegen Dr. Faustus in modernem Gewand. Pferdewetten, Aktienhandel, Verfolgungsjagden – eine Weltreise, gute Freunde und kleine Rätsel für den Leser. Dieses Buch hat alles was einen Klassiker ausmacht.

Statt skandinavische Krimis im Urlaub zu lesen, sollte sich jeder überlegen, ob man nicht wieder einen Blick zu den großen Klassikern der letzten 50 Jahre wirft. Bestätigt wurde ich mit dieser Ansicht vom Mike Winnemuth in ihrer Stern-Kolumne. Seitdem schaue ich wieder verstärkt nach klassischen Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbüchern.

Michael Ende – Momo

Michael Ende - Momo

Michael Ende – Momo

Es gibt einige Bücher, die ich als Kind oder Jugendlicher übersprungen habe oder die den Weg zu mir aus unterschiedlichen Gründen nicht gefunden haben. Derzeit bin ich dabei, diese Lücken zu schließen. Momo ist so ein Buch und es steckt viel mehr drin, als das es die Schublade „Jugendbuch“ verspricht. 1973 geschrieben wirkt es in keiner Weise angestaubt oder im Tempo aus einer anderen Zeit. Zwischen den Zeilen blinzelt so viel Weisheit durch, dass es Pflichtlektüre für jeden sein sollte.

Wie verbringe ich meine Zeit? Was ist der Sinn meines Daseins? Sind Optimierungen diverser Bereiche unseres Lebens wirklich sinnvoll und gut? Was ist Glück und Glücklichsein? Wer sich auf diese Fragen einlässt und bereit ist, sich dabei selbst zu hinterfragen, für den ist dieses Buch ein Gewinn und zwar unabhängig vom Alter oder der eigenen bisher gemachten Lebenserfahrung.

Meike Winnemuth – Das grosse Los

Meike Winnemuth - Das grosse Los

Meike Winnemuth – Das grosse Los

Mich packte mal wieder etwas das Fernweh und da fiel mir in der Buchhandlung dieses Buch in die Hand. 50 jährige Hamburgerin hat bei G.Jauch 500.000 Euro gewonnen und zieht spontan für 12 Monate um die Welt. Sie wählt sich 12 Städte aus und verbringt da jeweils einen Monat. Es sind folgende Städte:

  • Sydney
  • Shanghai
  • Honolulu
  • Bombay
  • Buenos Aires
  • San Francisco
  • London
  • Kopenhagen
  • Barcelona
  • Tel Aviv
  • Addis Abeba
  • Havanna

Sie macht bekannte Erfahrungen auf Reisen – die schönsten Erlebnisse kommen unverhofft und plötzlich und haben fast immer etwas mit fremden, kennengelernten Menschen zu tun. Das Lernen von neuen Sprachen und Ausprobieren von Dingen sind von bleibendem Wert. Das Gefühl, die eigene Trägheit auf Reisen zu überwinden, ist grandios – die Angst vor der Rückkehr und einem alltäglichen Leben ist im Hinterkopf.

Mitunter hatte ich kleinere Probleme mit der Art und Weise, wie sie ihre Reise schildert. Es wird etwas zäh, wenn sie zu sehr in die Selbstreflexion und der Suche nach dem Lebenssinn und der Nutzens-Maximierung der uns bemessenen Zeit abdriftet – aber dann kommen auch wieder Schilderungen sehr schöner Erlebnisse und positiver Überraschungen. Am Ende wurde auch ich etwas melancholisch als ich das Buch zu Ende gelesen hatte.

Honolulu und Addis Abeba haben mich gepackt und ich habe beide Städte auf die Liste meiner Ziele gesetzt. Beim Lesen des Buches habe ich mir vorgenommen – diese Liste zu erstellen und zu pflegen – schließlich muss man ja Träume haben. Die sollen helfen, den Alltag in Demut zu meistern.

Polina Scherebzowa – Polinas Tagebuch

Polina Scherebzowa - Polinas Tagebuch

Polina Scherebzowa – Polinas Tagebuch

Ein Geburtstagsgeschenk meiner Schwester und eine bleibende Erinnerung.

Polina beginnt 1994 mit neun Jahren Tagebuch zu schreiben. Sie lebt in Grosny und berichtet in den folgenden acht Jahren von den Schrecken der Tschetschenienkriege. Gerade in Zeiten, wo man denkt, dass es das Leben nicht gerade gut mit einem meint – ist dieses Buch eine absolute Empfehlung. Es hat mir manchmal Mühe gemacht, dabei zu bleiben – aber irgendwann packt es einen und ich konnte es nicht mehr loslassen. Man beobachtet sie beim Erwachsen-Werden in unvorstellbaren Verhältnissen – auch die Entwicklung als Schriftstellerin ist frappierend. Am Anfang ist es ein ganz normales Tagebuch – später würzt sie ihre Aufzeichnungen mit berührenden Gedichten und schafft es, den Leser wirklich zu fesseln.

Der Hunger ist allgegenwärtig – sehr oft liest man den Satz – „zu essen gab es heute nichts..“ aber noch schlimmer sind die Freunde, Verwandten und Bekannten die von einem auf den anderen Tag verschwinden. Weil es ihnen gelingt zu flüchten oder weil sie schlichtweg umkommen. Auch Polina wird von Splittern einer Rakete getroffen und muss dann um ihre medizinische Behandlung kämpfen.

Sie überlebt durch einen beeindruckenden Optimismus und durch die Bücher, die sie von ihren Vorfahren geerbt hat und die ihr immer wieder lebenswichtige Nahrung spenden. Entweder weil sie sie verkaufen kann oder aber weil sie ihr schlichtweg das geistige Rüstzeug zum Überleben liefern.

Der Vergleich mit Anne Franks Tagebuch ist unweigerlich – aber es ist vielleicht noch mehr – es ist auf jeden Fall ein Werk eines tollen Menschen. Ich bin gespannt, ob man von der mittlerweile Dreißig-Jährigen weiteres zu lesen bekommt.

Barbara Wersba – Ein Weihnachtsgeschenk für Walter

Barbara Wersba - Ein Weihnachtsgeschenk für Walter

Barbara Wersba – Ein Weihnachtsgeschenk für Walter

Das richtige zum Vorlesen für Weihnachten. Eine Ratte wohnt im Haus einer einsamen Schriftstellerin – die schreibt Kinderbücher und der Hauptheld ihrer Bücher ist eine Maus. Walter, die Ratte ist gebildet – er kann seit Kindesbeinen lesen und schreiben und nimmt Kontakt mit der Schriftstellerin auf. Es geht um die Liebe zum Lesen, um Weihnachten und darum, wie man Vorurteile überwinden kann. Der Begriff Leseratte wird hier endlich mit Leben gefüllt.

Keimzeit – Haus Auensee – 11.12.2015

Keimzeit - Haus Auensee - 11.12.2015

Keimzeit – Haus Auensee – 11.12.2015

Freitag-Abend – die Woche strebt mit einem Stakkato von Herausforderungen in Beruf und Familie ihrem Ende entgegen – da steht ein Auto vor der Tür und bringt einen in das beschauliche Haus Auensee. Schnell ist das erste Bier getrunken und der Puls sinkt langsam auf den Regelwert – da betritt die ehrwürdige Band die Bühne. Der Chef Norbert Leisegang altert sowieso nicht – am Bass sein Bruder wie immer eine Konstante in der Band. Andreas „Spatz“ Sperling hat mittlerweile einen grauen Bart – der Junge, der selbst Fan war und unglaublicherweise mal mitspielen durfte – wird endlich zum Mann. Das letzte Album hat er sogar produziert. Das sind die Dinge, wo man merkt, dass die Zeit voranschreitet.

Es fehlen noch zwei weitere Protagonisten. Am Flügelhorn Sebastian Piskorz der Ralf Benschu vergessen macht und als Gitarrist Martin Weigel, dem dasselbe mit Ulli Sende gelingt. Diese beiden sorgen dafür, dass Keimzeit sich weiterentwickelt – dass es eine Frische gibt ohne die manche Lieder doch etwas angestaubt wirken könnten. Die meisten Lieder entwickeln immer noch bei mir eine gewisse Magie – was wohl auch am Kopfkino und damit verbundenen Erlebnissen zusammenhängt.

Der Höhepunkt des Abends ist für mich das Solo von Martin Weigel, der einen tollen Song von Kid Kopperhausen mit Inbrunst, Lässigkeit und tollem Beat interpretiert – hier ein YouTube-Link aus 2013 vom Song „Das Leichteste der Welt“.

Und – Ja – ich gehe nächstes Jahr wieder hin!

Keimzeit - Haus Auensee - 11.12.2015 - Ticket

Keimzeit – Haus Auensee – 11.12.2015 – Ticket

Jan Weiler – Kühn hat zu tun

Jan Weiler - Kühn hat zu tun

Jan Weiler – Kühn hat zu tun

Eine grandiose Geschichte die zwei Ebenen hat. Zum einen ist da ein Kriminalfall. Herr Kühn ist ja schließlich Ermittler. Das ganze ist aber nur die Rahmenhandlung – der Fall wird quasi auf den letzten 50 Seiten gelöst. Viel vordergründiger ist aber die Schilderung der Alltagsprobleme, mit denen Herr Kühn konfrontiert und fertig werden muss. Hier gibt es diverse Parallelen zum eigenen Leben und die Schizophrenie des Alltags lässt einen nicken, lachen aber auch nachdenklich zurück.

Mit dem letzten Satz im Buch übertreibt es der Auto etwas und lässt den Leser mit einem fassungslosen Gesichtsausdruck zurück.

Haruki Murakami – Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede

Haruki Murakami - Wovon ich rede wenn ich vom Laufen rede

Haruki Murakami – Wovon ich rede wenn ich vom Laufen rede

Eine Empfehlung meines Buchhändler-Freundes Thoralf, dem ich erzählte, dass auch ich von Zeit zu Zeit dem Laufen verfallen bin. Haruki Murakami ist eigentlich Schriftsteller – er übersetzt auch amerikanische Romane ins Englische. Ich glaube, dass er als Romancier nur durchschnittlich ist – was er aber hier abliefert kommt vom Herzen und ist authentisch. Er schreibt über seine persönliche Leidenschaft und packt dadurch den Leser, Das Buch macht Lust auf Laufen, ich habe es binnen weniger Tagen durchgelesen und war dann erstmal … laufen,

Neil Gaiman – Der Ozean am Ende der Straße

Neil Gaiman - Der Ozean am Ende der Straße

Neil Gaiman – Der Ozean am Ende der Straße

Eine Empfehlung meines Buchhändlerfreundes aus Dresden. Das Buch ist eigentlich ein Jugendbuch – überzeugt jedoch durch einen packenden Schreibstil. Die Szenerie ist zeitweise gespenstisch – musste irgendwie an Jasper Ffordes Ideenwelt in „Grau“ denken.

Die Geschichte wird retrospektiv aus Sicht eines Erwachsenen erzählt. Als Leser weiß man daher, dass alles sein gutes Ende finden wird. Vielleicht ist es für uns Erwachsene sehr lehrreich einmal daran erinnert zu werden, dass man die Welt als Kind völlig anders interpretiert. Gefahren werden überhöht und durch die Fantasie angereichert.

Im übrigen habe ich das Buch meinem Sohn empfohlen, der leider nicht angebissen hat – ich versuche es in ein paar Jahren noch einmal.

Taavi Soininvaara – tot

Taavi Soininvaara - tot

Taavi Soininvaara – tot

Der letzte Teil der Leo Kara Reihe des finnischen Krimiautors Taavi Soininvaara ist ein Buch, welches ich im Sommerurlaub in Schweden bei Rotwein und skandinavischer Luft gelesen habe. Irgendwie wird es Zeit, dass die Reihe zu Ende geht – aber man will schließlich wissen, was es mit Leo Karas Eltern und der Geheimorganisation Mundus Novus auf sich hat. Das Buch folgt stilistisch den ersten drei Bänden (Schwarz (2009), Weiß (2010), und Rot (2011)). Hintergrundthema ist nach wie vor die Verstrickung Finnlands mit Geheimdiensten aus sowjetischer Zeit und der daraus resultierende Schatten der die Politik Finnlands bis heute bestimmt. Man hält es durchaus für möglich, dass das eine oder andere Detail von der Realität nicht weit entfernt ist, zumal bekannte führende Politiker genannt werden, die es wirklich gab und gibt.